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Robertson Smith: ein Nachwort
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und Abkürzungen
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und Kontakt
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Gästebuch

© Astrid Hess &
Andreas Hess 2006
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Anklage wegen Ketzerei
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Zuerst gab es kaum eine Reaktion auf den Beitrag.
Dann erschien im April 1876 ein anonymer Artikel in The
Edinburgh Courant, in dem der Schreiber die schlimmsten
Befürchtungen äusserte, das Seelenheil der Bevölkerung
betreffend. Diese dürften nun ungehindert solche Ansichten lesen,
wie Robertson Smith sie ausdrückte. Es wurde allgemein vermutet,
dass der Verfasser Dr. A. H. Charteris sei, Professor für
Kirchengeschichte an der Edinburgher Universität und ein strikt
orthodoxes Mitglied der Kirche. Robertson Smith befand sich zu der
Zeit zusammen mit seinem Freund, dem Maler G. Reid nichtsahnend
auf einer Reise durch die Niederlande, Belgien und Deutschland.
Die beiden führten damals ein gemeinsames, illustriertes
Reisetagebuch, dass später in sehr kleiner Auflage als Notes
and Sketches veröffentlicht werden sollte. Mit dabei waren
Robertson Smiths zwei jüngste Schwestern, Alice und Lucy, die in
Deutschland bleiben sollten, um ihre Erziehung zu
vervollständigen. |

William
Robertson Smith, George Reid, 1876, FP |
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Der
Zeitungsartikel war ein Stich ins Wespennest. Das College
Committee trat zusammen, und - da man diese Angelegenheit gern
in aller Stille aus der Welt geschafft hätte - wurde der Wunsch
geäussert, dass Robertson Smith sich entschuldige und eine
Richtigstellung schreibe. Dies verweigerte er jedoch und forderte
stattdessen ein Jahr später im Mai 1877 – die Mühlen des
Presbyteriums mahlten langsam – zur Klärung der Vorwürfe eine
förmliche Anklage der Free Church (im Kirchengesetz „libel“)
wegen Häresie, um sich angemessen verteidigen zu können. Das
hatte zur Folge, dass man ihn vorläufig von seinem Lehramt
beurlaubte. Die Hitzköpfe auf der fundamentalistischen Gegenseite
waren unter anderen Dr. Begg, ein Mann von unbeugsamer
presbyterianischer Orthodoxie, und der Anführer der sogenannten
Highland Horde, Sir Henry Moncreiff, ein bedeutender Free Church
Experte für Kirchenrecht. Diesem war es ein Anliegen, die Fahne
der Rechtgläubigen aufrecht zu halten. Der Prinzipal des
Edinburgher Free Church College, Robert Rainy, schlug sich zwar
lange keiner Seite eindeutig zu, sollte jedoch später Robertson
Smith die erwartete Unterstützung versagen. |
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Illustrated
Weekly, 27.05.1880, Sketch
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Neben
der allgemeinen Anklage, „beunruhigende“ Ansichten zum
Ausdruck zu bringen, die Zweifel an der göttlichen Autorität und
dem inspirierten Charakter der Bibel wecken könnten, stellte man
acht Anklagepunkte zusammen, die alle Robertson Smiths Aussagen
zur Bibel und deren Interpretation in Frage stellten. Nach einer
Vorbereitungsdauer von etlichen Monaten kam es bei der Assembly im
Mai 1878 – wohl in Glasgow – zur ersten öffentlichen
Verhandlung. Es war reichlich Publikum erschienen, die
Anteilnahme war ungeheuer gross. Es kam jedoch zu keiner
Entscheidung, und die Geschichte köchelte weiter. Es hatte den
Anschein, dass die Mehrheit der Free Church Mitglieder, sei es
Pfarrer oder Pfarrkind, durchaus für Robertson Smith war. Die
Konservativen des Presbyteriums gedachten aber nicht so schnell
nachzugeben, und vertagten eine Entscheidung wegen mangelnder
Erzielbarkeit eines eindeutigen Abstimmungsergebnisses für oder
gegen Robertson Smith eins ums andere Mal. Die Anklagepunkte
wurden bis auf das die Datierung und Urheberschaft des
Deuterononiums betreffende, einer nach dem anderen fallengelassen.
Es dauerte jedoch noch drei Jahre, bis die Assembly am 25.
Mai 1880 entschied, es bei einer Ermahnung zu belassen, gemäss
derer sich Robertson Smith in Zukunft unvorsichtiger und
unvollständiger öffentlicher Äusserungen enthalten möge. |
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Friede
kehrte aber nur für kurze Zeit in der Free Church ein. Kurz nach
diesem offensichtlichen Sieg wurde ein weiterer Band der EB9
aus der Druckerpresse entlassen. Er enthielt wiederum einen
Artikel aus Robertson Smiths Feder: „Hebrew Language and
Literature“, der die unverändert kritische Sicht des Autors auf
die Entstehungsgeschichte des Alten Testaments bestätigte. Das
war für die orthodoxen Gläubigen einfach zuviel. Man
unterstellte dem jungen Professor Unehrlichkeit, nicht bedenkend,
dass dieser Band schon lange vor dem Abschluss des ersten
Verfahrens in Druck gegangen sein musste. Nach einer weiteren
Anklage wurde Robertson Smith Ende Mai 1881 aus seinem
Professorenamt beim Free Church College Aberdeen entlassen.
Schienen das Urteil und die Suspendierung
vom Lehrstuhl auch eine völlige Niederlage für Robertson Smith
zu sein, so trug er im Nachhinein betrachtet doch den Sieg davon.
Bis zum Ende des Jahrhunderts waren die Prinzipien der höheren
Bibelkritik von wirklich allen britischen Theologen völlig
akzeptiert und wurden offen diskutiert. Sogar in der Free Church
kam es zu einer liberaleren Betrachtung der Dinge. Grössere
Meinungsfreiheit waren auf der Kanzel und im College erlaubt, ohne
das der religiöse Glaube Schaden nahm. Und schliesslich kann man
sagen, dass die Schotten doch ein wenig stolz auf ihren jungen,
brillanten Landsmann waren, der sich mit scharfem Verstand und
geschliffenen Worten gegen das klerikale Establishment
verteidigte. |
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Von
seinen Lehrverpflichtungen befreit, hatte Robertson Smith während
des ersten langen Verfahrens mehrere Reisen in den nahen Osten
unternommen. Während der Winter 1878/79 und 1879/80 sah man ihn
in Ägypten, Palästina und auf der Arabischen Halbinsel. In
dieser für ihn völlig neuen Welt fühlte er sich bald heimisch.
Er besuchte antike Stätten und entzifferte Schriften. Kontakte
mit der Bevölkerung wurden durch seine Arabischkenntnisse
möglich, die er in Kairo noch vertiefte. Zu Beginn seiner Reisen
wandelte er auf den damals üblichen touristischen Pfaden, tauchte
aber schon bald tiefer in die Arabische Welt ein. Auf der zweiten
Reise war es ihm möglich, mit Erlaubnis des Emirs von Mekka auf
dem Weg von Jedda nach Taif den geweihten Bezirk um die heiligen
Stätte in angemessener Kleidung, einem Burnus, zu durchqueren. |

Abdulla
Effendi, 1880, B&C |
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In den ersten Monaten des Jahres 1881 hielt Robertson
Smith, auf Einladung ihm wohlgesonnener Freunde in der Free
Church, eine Reihe öffentlicher Vorlesungen zu den Themen
Bibelkritik und das Alte Testament in Glasgow und Edinburgh, die
auf grosses Interesse stiessen. Die Aufzeichnungen der Vorlesungen
wurden im April 1881 unter dem Titel The Old Testament in the
Jewish Church (zweite Auflage 1895, Übersetzung ins deutsche
1894) veröffentlicht. Es war die erste massgebliche
Veröffentlichung auf diesem Gebiet.
Ein Jahr später wurde nach einer ähnlich erfolgreichen
Serie von Vorlesungen The Prophets of Israel and their Place in
History to the Close of the Eighth Century B. C. herausgegeben
(zweite Auflage 1895, weitere Auflagen bis in die heutige Zeit).
Nun wandten sich Robertson Smiths Interessen von der Theologie
immer mehr der vergleichenden Religionswissenschaft zu.
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